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Rettungsanker für lädierte Psyche
Der Verein anker kämpft gegen die Ausgrenzung von psychisch kranken Menschen. Es bestehe noch viel Aufklärungsbedarf, sagt Präsidentin Doris Benker im Interview.
Frau Benker, Arbeits-Coach Bernhard Dubs, der zwischen psychisch Kranken und deren Arbeitgebern vermittelt, ist ein gefragter Mann. Haben die psychischen Erkrankungen derart zugenommen – oder wie erklären Sie sich die enorme Nachfrage?
Doris Benker: Die Anzahl psychischer Erkrankungen ist seit Jahren stabil geblieben; jedoch steigt der Druck auf die Arbeitnehmenden zunehmend. Man muss heutzutage einfach «funktionieren ». Aber: Es hat eine Entstigmatisierung stattgefunden. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine Depression, ein Burnout, jeden von uns treffen kann. Das ist an sich eine erfreuliche Entwicklung.
Evelyne, 38 Jahre alt, leidet an einer Depression, die sie bei der Arbeit stark beeinträchtigt. Aus Angst, ihrer Stelle zu verlieren, schweigt sie über ihren Gesundheitszustand – ist jedoch immer weniger leistungsfähig, was auch ihrem Vorgesetzten nicht verborgen bleibt. In dieser Situation tritt Arbeits-Coach Bernhard Dubs als Vermittler auf. Er trägt zur Klärung der Situation bei mit dem Ziel, zu verhindern, dass eine Kündigung ausgesprochen wird. Das Projekt Arbeits- Coach des Vereins anker gibt es seit zwei Jahren und erfährt eine riesige Nachfrage.
Martin, 18 Jahre alt, ist angehender Schreiner und möchte von zu Hause ausziehen. Seine Schizophrenie- Erkrankung verunmöglicht es ihm aber, allein in einer Wohnung zu leben. Er meldet sich darum in einer vom «anker» begleiteten Wohngemeinschaft an (IGWG). Die achte WG wurde kürzlich in Frick eröffnet. Die Bewohner werden alle 14 Tage (bei Neugründungen wöchentlich) von zwei Betreuern besucht. Martin erhält einen Platz und zieht ein – und nach zwei Jahren fühlt er sich so weit gefestigt, dass er sich nach einer eigenen Wohnung umzusehen beginnt.
Das muss allerdings nicht zwingend bedeuten, dass die Bereitschaft von Arbeitgebern, Betroffene weiter im Betrieb zu beschäftigen, ebenfalls zugenommen hat.
Benker: Unser Arbeits-Coach erlebt dies aber ganz klar so. Sofern Arbeitgeber über die psychische Krankheit eines Angestellten klar und ehrlich informiert werden und vor allem auch darüber, was sie von ihm erwarten können und was nicht, sind überraschend viele gerne bereit, sich auf dieses Projekt einzulassen.
Wobei ja vermutlich die Art der psychischen Erkrankung eine Rolle spielt.
Benker: Bei Schizophrenie und Zwangserkrankungen bestehen sicherlich mehr Berührungsängste als bei einer Erschöpfungsdepression, das ist richtig. Hier besteht nach wie vor grosser Aufklärungsbedarf.
. . . der sich der «anker» auf die Fahne geschrieben hat?
Benker: Das Hauptanliegen unseres Vereins ist es, sich für Projekte zu engagieren, die die gesellschaftliche und berufliche Integration von psychisch Erkrankten zum Ziel haben. Oder anders gesagt: Wir wollen der Ausgrenzung von psychisch Kranken entgegenwirken; aufklären, anstossen, integrieren, fördern und informieren. Unser Arbeits-Coach ist ein Beispiel dafür; daneben betreiben wir acht begleitete Wohngemeinschaften sowie gemeinsam mit der Organisation Pro Infirmis die Informationsplattform Apika. Der Verein leistet aber auch finanzielle Unterstützung in individuellen Notlagen.
Die Tochter von Hans, 17, fügt sich immer wieder selber Verletzungen zu. Der Vater informiert sich auf der Plattform Apika, die vom «anker» gemeinsam mit Pro Infirmis 2003 ins Leben gerufen wurde, über mögliche Therapien. «Apika» hat zum Ziel, die Angebote und Hilfeleistungen für psychisch Erkrankte im Kanton Aargau miteinander zu vernetzen und für Betroffene und Angehörige leichter zugänglich zu machen. So findet man auf www.apika.ch Infos über geschützte Arbeitsplätze, Tagesstätten, Adressen von Beratungsstellen und vieles mehr.
Therese, 43 Jahre alt, Schizophrenie- Patientin und zurzeit nicht arbeitsfähig, fährt jeden Tag mit dem Zug in die Tagesklinik. Sie verfügt momentan über kein Einkommen und bezieht bei ihrer Wohngemeinde Sozialhilfe. Der Sozialdienst kontaktiert den Verein anker mit der Anfrage, ob dieser an das öV-Abonnement von Therese einen Beitrag beisteuern würde. «anker» leistet finanzielle Unterstützung in individuellen Notlagen, für die kein anderer Kostenträger aufkommt. Ein entsprechendes Gesuch muss dem Verein schriftlich unterbreitet werden.
Und wie sieht konkret Ihre Aufgabe als Präsidentin aus?
Benker: Bei mir treffen die unterschiedlichsten Anfragen ein – nicht nur von Angehörigen oder Betroffenen. Kürzlich hat mich der Sozialdienst des Kantons Luzern kontaktiert, der für einen Klienten, der in den Aargau zieht, nach einem geschützten Arbeitsplatz suchte. Ich koordiniere solche Anfragen und leite sie an die richtigen Stellen weiter. Zudem ist es mir ein grosses Anliegen, den Verein in der Öffentlichkeit noch bekannter zu machen. Darum halte ich bei Institutionen und Vereinen auch immer wieder Referate und sammle Spenden.
Zur Person: Doris Benker steht dem «anker – Verein für psychisch Kranke Aargau» seit 2008 als Präsidentin vor. Sie ist ehemalige SP-Grossrätin, hat während 18 Jahren in der Klinik für Psychosomatik Schützen in Rheinfelden gearbeitet und wohnt in Möhlin. Es ist ihr ein grosses Anliegen, dass psychisch eingeschränkte Personen nicht diskriminiert werden.
Interview: Ursula Känel Kocher
Quelle: Gesundheit Aargau
Letztes Update: 11.08.10, 10:36 Uhr





