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«Psychisch krank heisst nicht dumm!»

Interview: Seit vier Monaten ist Ueli Bigler neben Bernhard Dubs als zweiter «ArbeitsCoach» tätig

Herr Bigler, brauchen Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht vor allem psychologische und medizinische Betreuung? Die Arbeit kann da doch etwas warten?

Ueli Bigler: Nicht unbedingt. Heute betragen die Chancen, nach einem halben Jahr Pause im Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen, noch fünfzig Prozent. Erschreckend! Meine wichtigste Aufgabe ist darum, mitzuhelfen, dass die Arbeitsstelle trotz psychischer Erkrankung erst gar nicht verloren geht.

Und wie bewerkstelligen Sie das?

Bigler: Indem ich als Vermittler zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auftrete – und zwar möglichst früh, solange die Beziehung noch ungetrübt ist. Die meisten Arbeitgeber sind nämlich durchaus daran interessiert, den Mitarbeiter oder die Mitarbeiter zu behalten. Diese Erfahrung hat Bernhard Dubs, der seit drei Jahren als «ArbeitsCoach» im Einsatz ist, immer wieder gemacht. Aber: Es braucht eine offene Kommunikation.

Sie sagen also dem Chef, dass sein Angestellter etwa eine Persönlichkeitsstörung hat. Kommt das gut?

Bigler: Wenn man gleichzeitig auch sagt, was der Chef von seinem Angestellten erwarten kann und ihn über die psychische Erkrankung informiert, dann schwinden viele Berührungsängste. Jemand, der psychisch erkrankt, ist nicht plötzlich dumm – und muss auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Aber er ist zu Beginn sicher weniger leistungsfähig und sollte beim Wiedereinstieg mit einem Teilzeit-Pensum oder in einer anderen Position mit weniger Verantwortung einsteigen können.

Psychische Erkrankungen verlaufen aber nicht immer nach Plan.

Bigler: Das ist richtig – und macht unsere Arbeit auch so schwierig. Ein Rückfall-Risiko ist nach jeder Krankheit vorhanden – auch bei jemandem, der einen Herzinfarkt hatte. Nur ist das Rückfall-Risiko bei solchen Erkrankungen breiter akzeptiert als bei einer psychischen Krankheit. Und klar: Irgendwann ist die Geduld eines Arbeitgebers – trotz vermittelnden Gesprächen – erschöpft. Rückfälle gehören dazu.

Sie waren vor Ihrer Tätigkeit als «ArbeitsCoach» als Eingliederungsberater bei der IV tätig. Unterscheidet sich Ihr Arbeits-Alltag?

Bigler: Ja, ich habe einen viel engeren Kontakt zu den Menschen; etwas, das ich mir gewünscht habe. Manche Klienten sehe ich – je nach Verlauf der Erkrankung – einmal wöchentlich. Was mir immer wieder auffällt: Die Klienten wollen unbedingt wieder arbeiten. Arbeit bedeutet einen strukturierten Tagesablauf, ist Quelle für Anerkennung und Selbstwertgefühl. Wer Arbeit hat, hat bessere Heilungsaussichten. Für viele Klienten ist das Gespräch mit dem «Arbeitscoach » darum ein Aufsteller, weil es dabei um die Planung der Zukunft geht.

Wie gross ist die Nachfrage?

Bigler: Die Dienste des «ArbeitsCoach » sind in der Zwischenzeit einem breiten Publikum bekannt. Nicht zuletzt darum wurde meine Stelle geschaffen. So erhalten wir Zuweisungen aus dem Externen psychiatrischen Dienst oder auch von freischaffenden Psychiatern. Zum Teil gelangen auch Invalidenund Krankentaggeldversicherungen direkt an uns, da es ja in ihrem Interesse ist, dass jemand wieder im Arbeitsprozess integriert werden kann, statt eine IV-Rente zu beziehen.

Quelle: Gesundheit Aargau

Letztes Update: 03.08.11, 16:31 Uhr