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«Helfen wollen» reicht nicht aus

In der psychiatrischen Klinik Königsfelden arbeiten Pflegende, Ärzte und Therapeuten Hand in Hand. Kein Job für Einzelgänger.

Psychiatrieschwester? Regula Kiechle, Direktorin des Pflegediensts der Psychiatrischen Dienste Aargau, winkt ab und sagt: «Eine Bezeichnung von vorgestern, die deutlich macht, dass die Arbeit in einer psychiatrischen Klinik nach wie vor mit vielen Vorurteilen behaftet ist.» Heute spricht man von «diplomierten flegefachfrauen», «Fachangestellten im Gesundheitswesen» oder «Pflegewissenschaftlerinnen.» Und: Für alle Berufe gilt, dass der Wille, Patienten helfen zu wollen, zwar löblich ist – aber längst nicht ausreicht.

Das wird beim Besuch auf der Station P6-2 der psychiatrischen Klinik Königsfelden deutlich. «Eben haben wir zwei Patienten überwiesen bekommen; einer davon stark psychotisch», erklärt Aline Montandon im Stationszimmer. Das heisst: Administrative Arbeit wie das Nachführen einer Krankenakte rückt jetzt erst mal in den Hintergrund. Bereits ertönt der Piepser wieder; eine Kollegin bittet um Hilfe für das Wechseln eines Verbandes; und um 13 Uhr müssen die Pflegenden der Spätschicht über das Tagesgeschehen informiert werden.

«Jeder Tag verläuft anders – was enorm abwechslungsreich ist, aber auch grosse Flexibilität verlangt. Als Pflegende in der Psychiatrie muss man Situationen sehr schnell einschätzen und entsprechend reagieren können», sagt Aline Montandon. Die 27jährige diplomierte Pflegefachfrau arbeitet seit fünf Jahren in Königsfelden und belegt zurzeit an der Fachhochschule in Bern den Studiengang «Bachelor of Science» in Pflege. Warum? «Weil ich die Qualitätssicherung in der Pflege als sehr wichtig erachte.» Pflegen habe nicht nur «mit Bauch und Herz» zu tun: «Vielmehr geht es darum, die Pflege erfassbarer und erklärbarer zu machen.» Und was schätzt sie an ihrer Arbeit besonders? «Dass ich bei der Behandlung der Patienten aktiv mitreden und meine Erfahrung einbringen kann.»

«Interdisziplinarität» lautet das Schlagwort. Das heisst: Pflegende, Ärztinnen, Sozialarbeiter, Psychologinnen und Therapeuten befinden sich im steten Austausch und erarbeiten im Sinne einer ganzheitlichen Betreuung auf jeden Patienten abgestimmte Strukturen, die sodann vom Pflegepersonal begleitet und überwacht werden. Was heisst das konkret? Aline Montandon nennt Beispiele: «Ein an Schizophrenie erkrankter Patient hatte massive Ängste, Brücken zu passieren. Im interdisziplinären Team haben wir ein Brückentraining ausgearbeitet – und eine Pflegperson hat in der Folge zweimal wöchentlich mit dem Betroffenen wohl alle Brücken der Umgebung überquert.» Bei Patienten, die nach dem Klinikaufenthalt an ihre Arbeitsstelle zurückkehren, seien manchmal Gespräche mit Arbeitgeber und Sozialarbeiter nötig. «Hier vertrete ich als Pflegende gemeinsam mit dem Patient dessen Wünsche, Ängste und Bedürfnisse.» Sie motiviere den Patienten, die in der Bewegungstherapie vereinbarten Übungen selbstständig auszuführen – und kontrolliert, ob die am Morgen verteilten Aufgaben ausgeführt werden.

Ziel all dieser Massnahmen sei, die Selbstständigkeit der Patienten zu erhalten und zu fördern, um sie auf das Leben nach dem Klinikaufenthalt vorzubereiten. Aline Montandon: «So banal es klingt: Manchmal ist für uns ein Erfolgserlebhnis, wenn ein Patient den Milchkrug eigenständig ausgewaschen hat.» Aber, fügt sie lachend hinzu: «Viele Leute glauben sowieso, dass man selber ein Problem haben muss, um in der Psychiatrie zu arbeiten.»

Diese Ansicht habe nichts mit den realen Anforderungen an den Beruf der Pflegefachfrau in der Psychiatrie zu tun, sagt dazu Regula Kiechle: «Psychisch Kranke brauchen Fachpersonen, die die erforderliche Belastbarkeit und Stabiliät vermitteln können». «Interdisziplinarität» wird im Übrigen auch auf oberster Stufe grossgeschrieben: Die psychiatrische Klinik Königsfelden wird von Chefarzt-Stellvertreter Fritz Ramseier und Pflegedirektorin Regula Kiechle gemeinsam geleitet. Welche Vorteile bringt diese duale Führung mit sich? Regula Kiechle: «Die Perspektiven beider Berufsgruppen fliessen bei sämtlichen Führungsentscheiden mit ein. Dies begünstigt ein umsichtiges, situationsgerechtes Handeln und eine hohe Akzeptanz bei den Mitarbeitenden aller Berufsgruppen. In Königsfelden wird die duale Führung seit Jahren umgesetzt. Nun wurde sie auch im Organigramm festgehalten.» Fritz Ramseier: «Im Spital arbeiten wir tagtäglich «an der Front» Hand in Hand. Das Pflegepersonal ist sogar oft fast näher dran. Entscheide wachsen im Team und werden danach umgesetzt. So haben wir auch die Gewähr, dass kein Aspekt übersehen wird. Alles andere wäre doch unsinnig.»

Autorin: Ursula Känel Kocher

Quelle: Gesundheit Aargau

Letztes Update: 26.10.09, 11:29 Uhr

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