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Dem Tumor ins Innerste geschaut

Molekular-Pathologie: Welche Rolle spielt sie in der Tumorbehandlung? Professor Gad Singer, Chefarzt am Institut für Pathologie des Kantonsspitals Baden, im Interview.

Kurz notiert

Die Pathologie ist ein Fachgebiet der Medizin, das sich im Wesentlichen mit der Diagnostik, aber auch mit der Lehre und Erforschung von Krankheiten befasst. Pathologen sind Fachärzte, die Gewebeproben und zytologische Präparate von Patienten untersuchen und therapierelevante Diagnosen stellen.

Herr Singer, was hat es mit «Fish» und «Chip» auf sich?

Gad Singer: Bei «Fish» und «Chip» denken wir Pathologen nicht primär an die englische Nationalspeise, sondern an moderne molekularpathologische Verfahren, die es uns erlauben, Tumore genetisch zu charakterisieren. Mit Hilfe der «Fish»- und «Chip»-Methoden können wir zudem voraussagen, ob eine Krebstherapie erfolgreich verlaufen wird oder nicht.

Wie funktioniert das in der Praxis genau?

Singer: Für die «Fish»-Untersuchung — eine Abkürzung für «Fluoreszenz in situ Hybridisierung » — verwenden wir Gen-Sonden, die mit fluoreszierenden Farbstoffen markiert sind. Mit Hilfe dieser Sonden können Gene, also bestimmte Abschnitte der Erbsubstanz (DNS) des Menschen, gefärbt und unter dem Mikroskop sichtbar gemacht werden. So können wir feststellen, ob ein Gen bei einem Patienten verloren gegangen ist oder vervielfältigt vorliegt. Diese Diagnostik entscheidet beispielsweise bei Brustkrebs, ob eine Therapie mit bestimmten Antikörpern bei einer Patientin wahrscheinlich ansprechen wird oder nicht.

Und welche Funktion haben die «Chips»?

Singer: Bei der «Chip»-Untersuchung werden Glas- oder Kunststoffplättchen mit jenen DNS-Abschnitten bestückt, die für die Entwicklung und das Verhalten eines Tumors verantwortlich sind. Durch die Zugabe von farbstoffmarkierter Erbsubstanz zum Beispiel einer an Brustkrebs erkrankten Patientin, können diejenigen Gene sichtbar gemacht werden, die bei dem Tumor im Vergleich zur gesunden Erbsubstanz verändert sind. Das veränderte Genmuster erlaubt Voraussagen über das Verhalten der Tumorerkrankung und darüber, wie der Tumor auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird.

Bei welchen Tumoren wird diese Methode angewendet?

Singer: Die heutigen Anwendungsgebiete umfassen vor allem Brustkrebs, Magen,- Darm,- und Lungentumoren und auch seltenere Tumoren wie Lymphdrüsenkrebs. Während die «Fish»-Untersuchung bereits routinemässig für die Therapieplanung eingesetzt wird, kann dies bei der «Chip»-Untersuchung noch einige Jahre dauern.

Die Molekular-Pathologie ist aber nur ein Gebiet Ihrer Arbeit?

Singer: Das ist richtig. Im Wesentlichen untersuchen wir Pathologen jede Gewebeprobe eines Patienten zunächst histologisch unter dem Mikroskop. Dadurch können wir beurteilen, ob ein Tumor gutartig oder bösartig ist. Eine genauere Typisierung eines Tumors gelingt mit der immunhistochemischen Untersuchung. Dabei werden tumorspezifische Eiweisskörper, so genannte Tumor-Antigene, mittels Antikörper sichtbar gemacht. So können wir beispielsweise bei Metastasen feststellen, von welchem Organ sie ausgegangen sind oder ob beispielsweise Brustkrebs auf eine antihormonelle Therapie ansprechen wird.

Gibt es weitere Methoden?

Singer: Die sogenannte «Polymerase- Kettenreaktion», PCR genannt, ist ebenfalls eine molekularpathologische Methode, die es uns — ähnlich wie bei den «Fish»- und «Chip»-Untersuchungen — erlaubt, dem Tumor in sein Innerstes zu schauen. Mit Hilfe der PCR-Untersuchung ist es möglich, bereits an winzigen Gewebeproben, minimale Genveränderungen, so genannte Mutationen, festzustellen, was für die Therapie eine entscheidende Rolle spielen kann. Im Zusammenhang mit Tumoren wird auch von onkologischer Therapie gesprochen. Was heisst das genau? Singer: Am Anfang einer Tumortherapie steht meist die Chirurgie. Dabei kommen heute immer häufiger sehr schonende Operationsverfahren zur Anwendung, die oft nur mit Hilfe der Pathologie möglich sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Singer: Bei Brustkrebs wird heute versucht, überwiegend brusterhaltend zu operieren, indem der Operateur den entfernten Tumorknoten noch während der Operation an den Pathologen schickt, der sagen kann, ob der Tumor im Gesunden entfernt wurde oder nicht. In einem weiteren Schritt, während der gleichen Operationssitzung, erfolgt die Entfernung des sogenannten Sentinel-Lymphknotens, der ebenfalls durch den Pathologen untersucht wird. Stellt der Pathologe fest, dass der Sentinel-Lymphknoten frei von Metastasen ist, kann auf eine ausgedehnte Operation der Achselhöhle mit Entfernung der übrigen Lymphknoten verzichtet werden. Auf diese Weise können stark belastende Spätkomplikationen wie Lymphstau im Arm vermieden werden.

Welche zusätzlichen Methoden kommen in der onkologischen Therapie zum Einsatz?

Singer: Nach der chirurgischen Therapie werden bei vielen Tumoren — je nach Stadium der Erkrankung — auch moderne chemotherapeutische Verfahren oder die Strahlentherapie eingesetzt. Durch ihre Untersuchungen kann die Pathologie wesentlich zum Erfolg dieser Therapien beitragen.

Interview: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau

 

Quelle: Gesundheit Aargau

Letztes Update: 18.11.09, 09:09 Uhr

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