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Betreuen, ohne selber zu erkranken

Neues Angebot: Angehörige von psychisch Kranken sind oft enorm belastet. Seit Juli finden sie Unterstützung und Beratung bei der Fachstelle für Angehörige der Psychiatrischen Dienste Aargau

Claudia S. (Name geändert) weiss nicht mehr weiter. Ihre an Schizophrenie erkrankte Tochter nimmt die Medikamente, die sie nach ihrem Klinikaufenthalt verordnet bekommen hat, nicht mehr ein – und weigert sich, einen Arzt-Termin zu vereinbaren. Sie verbringt den Tag im abgedunkelten Zimmer, hat Arbeit und soziale Kontakte verloren. Auf Interventionen ihrer Mutter reagiert sie äusserst aggressiv.

Auch der Ehemann von Melanie W. (Name geändert) will nichts davon wissen, dass er vielleicht krank ist. Seit einigen Wochen ist er antriebslos, spricht davon, dass das Leben keinen Sinn mehr habe – und möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Melanie W. glaubt, dass eine Depression der Auslöser dafür sein könnte. Sie ist unsicher, wie sie sich ihrem Mann gegenüber verhalten soll. Wie das Thema ansprechen? Wie ihn motivieren, sich helfen zu lassen? Kann sie ihren Mann überhaupt noch alleine lassen – oder tut er sich etwas an?

Nach aussen ist «alles normal»

Die beiden Frauen haben eines gemeinsam: Als Angehörige von psychisch Kranken sind sie einer enormen Belastung ausgesetzt – und laufen Gefahr, dabei selber krank zu werden. «Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, opfern sich auf – und weil die Betroffenen für die Aussenwelt meist noch eine Weile «normal funktionieren», können sie mit niemandem darüber sprechen. Was eine zusätzliche Belastung ist», sagt Susanne Wipf.

Die ersten 3 Monate

In den ersten drei Monaten wurde Susanne Wipf von 44 Angehörigen
kontaktiert und hatte 54 Beratungen. Auffallend: Es sind vorwiegend Frauen, die sich an die neue Fachstelle wenden. Die Hälfte der Personen,
derentwegen sie sich melden (am häufigsten war dies wegen des Lebenspartners, der Tochter oder eines Elternteils der Fall), ist bereits in
psychiatrischer Behandlung. Bei den diagnostizierten Erkrankungen handelt
es sich vorwiegend um Depressionen oder Schizophrenie.

Susanne Wipf ist Psychiatriepflegefachfrau und Sozialarbeiterin und betreut die im Juli eröffnete Fachstelle der Psychiatrischen Dienste Aargau AG. «Es gibt hier Informationen über die verschiedenen Krankheiten; ich vermittle Adressen von Beratungsstellen oder Therapeuten – und vor allem können Angehörige über ihre eigene Gefühlslage, ihre Wünsche und Ängste sprechen», erklärt Susanne Wipf. Das Beratungsangebot ist kostenlos und steht auch Angehörigen von Personen offen, die nicht Patienten der PDAG sind. Die Gespräche unterstehen der Schweigepflicht.

Trotz aller Liebe Grenzen setzen

«Wichtig ist, dass sich Angehörige – trotz aller Liebe zum Patienten – distanzieren und auch Grenzen setzen können», betont Susanne Wipf. Leide die Ehefrau an einer Zwangserkrankung, könne der Ehemann ganz klar sagen, dass er nicht mithelfe, immer wieder nachzuprüfen, ob die Herdplatte wirklich ausgeschaltet ist. Die Einhaltung von Familienregeln wie die Teilnahme am gemeinsamen Abendessen könne, ja müsse auch von psychisch Kranken eingefordert werden – «und ganz klar dürfen die übrigen Familienmitglieder nicht zu sehr in ihrer Entfaltung eingeschränkt werden.» Was das heisst? «Kinder sollten nach wie vor Kameraden nach Hause bringen und jedes Familienmitglied seinem Hobby nachgehen können.»

Ein weiterer Punkt: «Professionelle Angehörigen-Arbeit hilft mit, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken », ist Susanne Wipf überzeugt. Wie das? «Der überwiegende Teil der psychisch kranken Menschen ist auf die Betreuung und Hilfe der Kernfamilie angewiesen, die oftmals die Hauptlast der Versorgung trägt.» Gut informierten Angehörigen sei es besser möglich, dem Erkrankten die nötige Unterstützung zu bieten – und nicht zuletzt, sich selbst zu schützen.

Quelle: Gesundheit Aargau

Letztes Update: 13.10.10, 09:01 Uhr